Die Monatskurzgeschicht für Februar 2025

Jester und das Schwert

Ein Wind fegt durch den Tempel und scheint zu flüstern.

Mosdine hält inne und lauscht, wartet einen Augenblick und kommentiert schließlich das, was passiert:

»Klingt, wie ein Tuscheln. Wie ein Wispern im Wind. Na, solange es nicht wieder einer jener Stürme ist, die unsere Tempelhexe gerne verursacht, sollte mir das Flüstern egal sein. Aber da wir ja bekanntermaßen im kleinen Tempel sind, und bereits kleine Winde schon Großes angekündigt haben, gehe ich davon aus, dass auch heute etwas Besonderes passieren wird. Ach so, ich habe ganz vergessen, mich vorzustellen: Ich bin Mosdine, eure Erzählerin und Einhornpflegerin.« Sie nimmt einen großen Schluck des Glitzerkaffees aus ihrer Tasse und fährt mit der Geschichte fort.

Der Wind nimmt seinen Weg über die Beete im Garten, am Baum vorbei, unter dem der Soerbuddha döst, und nimmt die Route durch das Küchenfenster. Er endet im Haar der Tempelhexe.

»Huch, was war das? Mein Haar ist ganz durcheinander.« Sie schaut auf ihre Armbanduhr. »Ach du meine Güte, ist es wirklich schon so spät? Schnell die Sandwiches in den Korb legen. Kaffee- und Teekannen sind verstaut. Tassen und Teller habe ich auch. Der Herd ist ausgeschaltet. Dann gehe ich schnell zu der ZurDir. Die anderen warten bestimmt schon dort«, plappert sie wild darauf los, wohl wissend, dass sie alleine ist. Sie eilt in die Lobby und zieht die Tür hinter sich zu.

»Autsch!« Ertönt es aus der Küche. Bei der Tempelhexe kommt aber nur ein Piepsen an. Sie öffnet die Tür und sieht, wie der kleine Lotusdrache sich an ihrer Schnauze reibt, die sie sich eben angehauen hat.

»Oh Lotus, willst du auch mit?«, fragt die Hexe liebevoll.

Lotus nickt. Und tanzt an ihr fröhlich vorbei. Sofort ist der Schmerz vergessen.

»Was ist mit Entchen?«, die Tempelhexe schaut zum Schlafplatz der zwei. Dort liegt die Ente, hebt ihren Kopf und tippt mit einem Flügel an ihre Stirn und antwortet mit einem »Quark, Quark«, was so viel heißen soll wie, ›du hast einen Vogel‹. Dann senkt sie ihn wieder und döst sofort ein.

Die Tempelhexe und Lotus erreichen den Baum, unter dem Soerbuddha immer noch döst.

»Aufwachen, du Faulpelz, die anderen warten schon.« Sie fuchtelt mit den Armen wild hin und her und zeigt ständig auf die ZuDir, vor der Maun, Jester und der Bibliothekarinnengeist warten.

»Ja, ich komm’ schon.« Der Buddha rappelt sich auf und geht mit den beiden zu der Zeit- und Raummaschine. Alle treten nach und nach hinein.

»Sie ist innen viel größer als von außen«, kommt aus einem Lautsprecher nach einer Minute. Maun hat es extra so programmiert, für den Fall, dass es jemand vergisst zu erwähnen.

»So, auf nach England. Sandwiches und Getränke habe ich für alle dabei«, ruft die Tempelhexe fröhlich.

»Tee Time!«, ruft Maun begeistert.

»Können wir später noch nach Schottland?«, fragt der Geist und fährt fort: »Dort soll es spuken und ich habe noch nie ein Schlossgespenst gesehen.«

»Das schauen wir dann, nun erst mal Picknick beim Stonehenge«, begegnet der Buddha sanft.

Surrr Surrr Surrr

Die ZurDir beginnt ihre Reise.

Wenige Sekunden später ist sie wieder still.

»So, wir sind da. Alle raus.« Maun macht eine scheuchende Bewegung mit den Armen und signalisiert, dass alle hinaus sollen.

Die Sonne scheint und am Himmel sind keine Wolken zu sehen. Die ZurDir befindet sich auf einem Berg, bei dem man wahrscheinlich eher an einen Hügel denken würde, bei seinen zweihundert Metern Höhe. Ungefähr fünfzig Meter von der ZurDir entfernt, stehen Personen um einen Stein, in dem ein Schwert steckt. Die Gestalten sehen aus, als führten sie gerade ein Live-Rollenspiel durch.

»Na toll, wo sind die Steine? Ich wollte Picknick bei den Steinen von Stonehenge machen, und soeben sind wir bei einer bizarren Menschengruppe gelandet, die die Sage von Arthur und das Schwert Excalibur nachspielen«, schimpft die Tempelhexe laut.

Jester und die Bibliothekarin lassen sich nicht beirren und fliegen zur Menge.

»Guten Tag«, haucht der Geist zu den Personen, die erst wie eine Salzsäule erstarren, dann aber aus der Trance schnell erwachen, und, bis auf einen Ritter, alle das Weite suchen.

»Na toll, da haben wir wieder mal einen guten Eindruck hinterlassen«, meint die Hexe sarkastisch. »Da ist einmal Instand, der Tempelwächter nicht da, und dann passiert so etwas.«

»Ganz ruhig, Hexchen, es ist ja noch nichts passiert«, beschwichtigt Soerbuddha die Tempelhexe.

»Äh! Bist du gerade in einem anderen Universum unterwegs? Da war eine Gruppe an Menschen, die unseretwegen geflohen sind. Bis auf den einen Typen da.« Die Tempelhexe schüttelt ihren Kopf und merkt nicht, dass Lotus fröhlich auf den Stein zu rennt.

Maun geht wieder in die ZurDir und sagt leise zu sich: »Ich schaue mal lieber, wann und wo wir gelandet sind.« Er verschwindet in der Zeitmaschine, um die Instrumente zu prüfen.

»Lotus bleib hier, das ist ein Ritter«, ruft Soerbuddha hinterher, aber zu spät. Lotus steht schon vor dem Herren in der Rüstung.

»Oh, ein Drache! Ich ziehe mein Schwert, um dich zu bekämpfen, du Wesen der Legenden«, spricht der Ritter zu dem kleinen, rot schimmernden Drachen und zieht seine Waffe.

Jester bemerkt, dass der Ritter ihrer Freundin etwas antun möchte, und eilt zum Schwert, das in dem Stein steckt. Sie zieht es mit einer Leichtigkeit aus dem Stein und schlägt damit das Kriegsgerät aus seiner Hand.

»Ahhh, nicht nur, dass wir die Arthur-Saga durcheinanderbringen«, ruft Mosdine laut und unterbricht die Geschichte. »Jetzt kämpft eine kleine satanistische Fledermaus mit einem Zahn, mit einem Schwert, das dreimal größer ist als sie selbst. Also ehrlich, mit Realität haben die Geschichten des Autors nichts zu tun, aber ok, ich werde mal fortfahren.« Sie nimmt einen Schluck Kaffee aus ihrer Einhorntasse.

Die kleine Fledermaus steht jetzt mit dem Schwert vor dem Ritter und grinst. Ihr einziger Zahn blitzt in ihrem Mund hervor. Sie streckt Excalibur in die Luft.

»Ich bin nun Königin von England«, gibt die Belesene von sich.

»Nach der Legende muss ich dir zustimmen«, erwidert die Bibliothekarin.

Der Ritter steht immer noch vor den Dreien und bewegt sich nicht. Die Tempelhexe und der Buddha erreichen in diesem Moment die Gruppe. Lotus springt vor Freude hin und her und begreift nicht, dass sie in Gefahr ist. Sie denkt, das Ganze wäre ein Spiel.

»Ihr müsst auch alles in ein Chaos verwandeln«, mischt sich der Buddha ein. Die Tempelhexe nickt und die anderen zucken nur mit den Schultern.

»Hallo, ich bin Soerbuddha und wer sind Sie?«

»Ich … ich bin Arthur. Ritter von England.«

»Oh, kein Schauspieler?«

»Nein, ich bin ein Ritter und wollte gerade das Schwert herausziehen und hoffte, nach der Legende zumute, heute ein König zu werden.«

»Das heißt, wir sind tatsächlich im fünften Jahrhundert?«

»Genauer gesagt 520 nach Christus«, mischt sich die Bibliothekarin ein.

Die Tempelhexe schaut erschrocken und verschwindet schnell in der ZurDir und schimpft vor sich hin.

»Bevor hier noch jemand auf die Idee kommt, eine Hexe zu verbrennen, verschwinde ich lieber in der Zeitmaschine.« Lotus rennt ihr hinterher.

Die Bibliothekarin holt sich ihr Geister-Notizbuch und eine Feder hervor. Dann fängt sie an, alles aufzuschreiben.

Jester steht immer noch stolz mit ihrem Schwert vor Arthur.

»Jester, jetzt lass das Schwert sinken und steck es am besten wieder in den Stein hinein. Arthur tut uns schon nichts«, versucht Soerbuddha die Kontrolle zu gelangen.

»Ach ja? Ich bin nun die Königin von England.«

»Du bist eine Fledermaus und ich glaube nicht, dass die Briten je ein Wesen der Nacht als Königin akzeptieren würden.«

»Na ja, sie lieben auch Dracula«, erwidert Jester mit voller Überzeugung.

»Ja, aber es ist doch auch nur eine fiktive Figur.«

»Das ist Arthur auch«, frech deutet sie auf den verdutzten Möchtegernkönig hin.

»Ok, das Argument kann ich nicht entkräften. Sei bitte so nett und steck es wieder in den Stein. Bitte!«

»Warum sollte ich?«, antwortet Jester, die Königin von England, trotzig.

»Weil dies eine Kurzgeschichte ist und wir bei 800 Wörtern fertig sein wollten. Aber das schaffen wir wieder nicht.«

»Na siehst du, also kein Grund, dass ich es umsetze.« Sie zuckt mit den Schultern und wendet sich an den Autor.

»Hallo du, der unsere Geschichten schreibt, ich möchte gerne noch mehr als Königin erleben. Kannst du bitte einen weiteren Teil schreiben?« Jester wartet auf eine Antwort und tippelt auf ihren kleinen Fledermausfüßen. Ihr Smartphone vibriert und eine SMS macht sich bemerkbar. Sie liest den kurzen Text.

‚Kein Thema, ich überlege mir einen Cliffhänger.‘ Das kleine Wesen steckt zufrieden das Smartphone in ihren Rucksack und hebt stolz das Schwert Excalibur in die Luft. In diesem Moment schieben sich die Wolken vor der Sonne zur Seite, und Jester steht mit dem Schwert in einem hellen Sonnenstrahl. Es ist ein episches Bild, das in jeder Kirche zu finden wäre, wenn sie heiliggesprochen würde.